Lemgo, St.Marien, Schwalbennestorgel

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Lemgo
St.Marien, luth., Schwalbennest-Orgel

1595 Georg Slegel/1612 Hans und Friedrich Scherer, III/27
 


Die früheste Erwähnung von Orgeln in St.Marien stammt aus dem Jahre 1455.
Im 16.Jahrhundert hatte die Kirche bereits 2 Orgeln.

Ab 1586 arbeitete Georg (auch genannt Jürgen oder Jorrien) Slegel aus Osnabrück/Zwolle an einem Orgelneubau. Dieser befand sich an der gleichen Stelle wie die heutige Orgel, auf einer "balkonartigen Empore" mit steinernem Unterbau. Es sind noch alte, heute verdeckte Wandbemalungen vorhanden, die diese Position kennzeichnen [nach Sauerländer].
Eingeweiht wurde dieses Werk nach einer relativ langen Bauzeit 1595. Ihre Größe ist nicht bekannt, sie ist aber wahrscheinlich nur einmanualig gewesen.

Ab 1600 wurde wieder verschiedentlich an dem Instrument gearbeitet, doch erst zu den Jahren 1612/13 finden sich wieder Hinweise in den Akten. Hier sind es jetzt größere Bautätigkeiten, bei denen die heutige Gestalt der Anlage entstand. Wer diesen Umbau ausführte, war lange Zeit unklar. In einem Senatsprotokoll der Stadt Lemgo vom November 1612 findet sich eine Notiz, wonach ein "M. Fritsen orgamacher" in St.Marien angetroffen wurde, weil der bei einem Wirt in Obernkirchen (bei Bückeburg) noch Schulden hatte. Dies führte, wenn auch strittig, zu der Annahme, dass es sich vielleicht um Friedrich Scherer gehandelt habe, dem Bruder von Hans (der Jüngere).
 
Mit der umfangreichen Untersuchung der Orgel 2009 wurde u.a. nachgewiesen, dass die Prospektpfeifen mit denen in Tangermünde übereinstimmen. Daher kann es sich beim Erbauer der heutigen Anlage nur um Scherer handeln. Die Empore mit ihrer imposanten polygonalen Brüstung wurde vergrößert. Ein vorliegendes dendro-chronologisches Gutachten der Tragbalken weist auf das Jahr 1612/13. Das Hauptgehäuse wurde vorgezogen und bekam dabei die Laternen in der Bekrönung, die für gute Proportionen sorgten.
Hinter dem Gehäuse stellten Scherers ein neues Pedalgehäuse auf.
Die Einweihung fand im Dezember 1612 statt.

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Ein weiters Ergebnis der Untersuchung ist, dass die Springladen in Hauptwerk und Pedal aus dem frühen 18. Jahrhundert stammen. Der Erbauer bleibt aber unbekannt.
 
 
Schon 1629 gibt es Berichte über größere Mängel an der Orgel. In einem Gutachten des damaligen Lemgoer Nicolaiorganisten Andreas Knoidt überliefert dieser im gleichen Jahr die Disposition:
8 Register im "Orgell" (Hauptwerk)
7 Register im "Posatieff" (Oberwerk)
5 Register im Pedal,
also insgesamt 20 Stimmen.
Knoidt führte später selbst Reparaturen an der Orgel durch, teilweise mit Daniel Schön aus Blomberg.

Das in der Schrift "Die Heldenorgel in der Kirche St.Marien zu Lemgo" von Enno Eilers erwähnte Rückpositiv, hat es nicht gegeben. Untersuchungen an der Empore haben das 1950 bestätigt [nach Sauerländer].

1703 erfolgte ein Umbau, eventuell durch den Orgelbauer Klausing aus Herford, bei welchem das Oberwerk durch ein Brustwerk mit Schleiflade ersetzt wurde.

Dazu musste das Hauptwerk angehoben werden. Spuren dieses Umbaus sind heute noch im Gehäuse sichtbar. Eventuell hatten sich auch die äusseren Proportionen des Gehäuses verändert.

1766
wurde die Orgel durch Stephan Heeren, Gottsbüren repariert (Inschrift in der Orgel gefunden).

Eine weitere Reparatur fand 1819 durch den Orgelbauer Brinkmann, Versmold/Herford statt. Dabei wurden auch Register ausgewechselt.

1859 wurden nur notdürftige Reparaturen durch Siegwart Volland, Lemgo durchgeführt.

1887 entnahm man für einen Neubau auf der Westempore von Ernst Klassmeyer, Lemgo-Kirchheide, dem alten Instrument das Pfeifenwerk bis auf den Prospektprinzipal. Somit war es zum bloßen Schaustück geworden.

Eine große Baumassnahme fand Anfang der 1930iger Jahre statt. Die Orgel wurde als Kriegerdenkmal angemeldet und Gedenktafeln mit Namen von Gefallenen des ersten Weltkriegs angebracht. Dadurch flossen vom Staat Gelder, mit denen Friedrich Klassmeier, Lemgo-Kirchheide und der Orgelsachverständige Christhard Mahrenholz, Hannover das Instrument rekonstruieren konnten. Die Einflüsse der "Orgelbewegung" waren mitentscheidend. Gleichzeitig wurde die Hauptorgel von 1887 überholt, einige Stimmen in die Schwalbennest-Orgel versetzt. Beide Instrumente wurden schließlich elektrisch verbunden, womit man die alte Orgel von der Hauptorgel aus spielen konnte. Die Arbeiten waren 1933 abgeschlossen. Leider ging dabei auch die alte Farbfassung verloren.

Bis um 1947 hatte die Orgel sehr unter eindringendem Regenwasser zu leiden, was ihren Bestand auf Dauer gefährdete. Auf Initiative des langjährigen Kantors Walther Schmidt entschied man sich für eine grundlegende Renovierung und Restaurierung und beauftragte 1947 die Werkstatt Paul Ott, Göttingen. Dabei wurde einerseits die alte Disposition wiederhergestellt. Am Brustwerk wurden Türen angebracht, da der Klang dieses Teilwerks bisher nicht zur vollen Wirkung kam. Nach Beratungen mit einer Reihe Fachleuten beschloß man außerdem den Bau eines zusätzlichen Oberwerks als 3.Manual.

Der erste Bauabschnitt war Ende 1950 abgeschlossen und bildete den Start der Lemgoer Orgeltage.
Der zweite Bauabschnitt erfolgte 1961. Die letzte große Renovierung durch die Werkstatt Ott, Göttingen, wurde, nach der Sanierung der Kirche, 1997 abgeschlossen.

Im Hauptwerk und Pedal sind 4 Springladen erhalten, im Brustwerk Teile der alten Schleiflade von Klausing oder anderen.
Der Prospekt-Praestant 8' von 1612 besitzt teilweise ein Flamm-Labium, wie es auch in Tangermünde vorkommt. Eine Abbildung der Labien siehe bei Reuter 1965.

Seit vielen Jahren zeigte sich die Renovierungsbedürftigkeit des Instruments. Es wurde ein Orgelbauausschuss gebildet, der die notwendigen Maßnahmen erarbeiten sollte.
Man entschied sich für eine Rekonstruktion auf den Zustand von 1612/1629, also Rückbau auf 20 Register auf 2 Manualen in Haupt-, Oberwerk und Pedal. Ein Grund dafür war, dass das Hinzufügen eines 3.Manualwerks in den 1950er-Jahren zur Folge hatte, dass in dem für 2 Teilwerke konzipierten Gehäuse große Enge herrscht. Die Klangentwicklung ist unter diesen Bedingungen stark beeinträchtigt.
Der Auftrag wurde am 16.Mai 2008 an die Firma Rowan West, Altenahr, vergeben. 

Zur restlichen Finanzierung wird intensiv für Pfeifenpatenschaften von 20 bis 1500 Euro pro Pfeife geworben !!

Hier direkt zur Webseite "Schwalbennest-Orgel" der Gemeinde St.Marien und zu den Patenschaften

Am 10.Januar 2009 fand das letzte Konzert an der Orgel statt, wo es noch einmal in seiner alten, inzwischen fast 60 Jahre alten Klangstruktur zu hören war. Unter großer Anteilnahme interessierter und engagierter Bürger konzertierten aus diesem Anlass Prof.Gerhard Weinberger aus Detmold und Prof. Dr. Helmut Fleinghaus aus Herford. Der vorgesehene Dritte in der Runde dieses Orgel-Highlights Prof. Harald Vogel, konnte wegen Erkrankung leider nicht erscheinen. Im Anschluß an das Konzert wurde den bisherigen Spenderinnen und Spendern der Pfeifenpatenschaften die Urkunden überreicht. Bis dahin wurden 328 Patenschaften im Gesamtwert von 60000 Euro erreicht.

Ab dem 19.Januar 2009 wurde mit der Entkernung des Werkes begonnen. Alle Windladen und Mechanik wurden entfernt und zwischengelagert. Danach begann der beratende Sachverständige Koos von de Linde mit seinen Untersuchungen und der Dokumentation, die im September 2009 abgeschlossen wurde. Einige Ergebnisse wurden oben schon erwähnt. Das Hauptgehäuse enthält Elemente und Umbauten des 16. bis 20. Jahrhunderts.
Vieles davon geht auf Slegel zurück. Die Anordnung der Pfeifen konnte ebenfalls auf Slegel rekonstruiert werden.
Seit dem 1.Oktober 2009 haben die Bauarbeiten an dem Instrument begonnen, deren Fertigstellung im Oktober 2010 geplant ist.
Das Gehäuse wird in seiner alten Gestalt und technisch wieder hergestellt. Das gesamte Pfeifenwerk muss neu nach Vorbildern angefertigt werden, bis auf die meisten der Prospektpfeifen, die vorsichtig restauriert werden und aus denen man sich Hinweise für die Intonationen erhofft. Die Springladen werden restauriert. Der restlichen mechanischen Teile werden ebenfalls neu sein. Der Stil wird im Haupt- und Oberwerk Slegel sein, das Pedalwerk nach Tangermünde.

Die Einstimmung der Orgel wird in Anwendung konsequenter Rekonstruktion rein mitteltönig sein, ein Novum in OWL.

Die neue Disposition wird folgende sein:

 
I. Hauptwerk II. Oberwerk Pedal
CDEFGA-c3 CDEFGA-c3 CDEFGA-d1

Praestant
Gedackt
Quintadena
Oktave
Hohlfloit
Mixtur
V
Cimbel III
Barpfeif

 

8
8
8

4
4
 
 

8
Hohlpfeif
Praestant
Nasat
Waldpfeiff
Cimbel III
Trumpet
Zink

 

8
4

3
2

 
8
8
Bordunenbass
Cornetbass
Posaunenbass
Trumpetbass
Cornetbass
16
2
16
8
2
8 7 5

Die alte Disposition:

 
I. Hauptwerk II. Oberwerk III. Brustwerk Pedal

Quintadena
Praestant
Gedackt
Oktave
Holzflöte
Mixtur

Terzzimbel
Trompete

 

16
8
8
4
4
6-9f
3f

8
Holzpfeife
Prinzipal
Waldpfeife
Nasat
Oktave
Scharfzimbel

Dulzian
Vox humana

Tremulant

8
4
2
1 1/3

1
3-5f

16
8
Gedackt
Rohrflöte

Oktave
Sesquialtera
Scharff

Regal

Tremulant

8
4

2
2f
4-6f

8
Bordun
Gemshornflöte

Posaune
Trompete
Cornett
16
1

16
8
4
8 8 6 5

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